Städtische Galerie VS – Projekt Utopie Heimat

An Omnipräsenz lässt sich der Begriff ‘Heimat’ in unserem Alltag kaum überbieten. Selbst ein Bundesministerium fühlt sich für diesen Begriff 2018 geschaffen und es gibt sogar Politiker/-innen, die ein Recht auf Heimat fordern. Doch wo befindet sich denn eigentlich dieser so allgegenwärtige und konkrete Ort? Und ist es überhaupt ein singulärer? Ist es nicht vielmehr ein unbestimmter Ort von (Kindheits-)Erinnerung, ein Wunschort oder vielleicht sogar nur eine politische Konstruktion? Eine ganz besondere Kunstausstellung in der Städtischen Galerie mit dem Titel ‘Utopie Heimat’ möchte sich im Jubiläumsjahr auf die Suche nach diesem sehnsuchtsvollen Ort begeben und fragen, welche Bedeutung und welches Gewicht der Begriff ‘Heimat’ heute noch hat. Dafür werden verschiedene künstlerische Positionen in und um die Städtische Galerie ausgestellt. Ein besonderes Highlight der Ausstellung wird zudem das ‘Zukunftscamp’ sein, welches im Garten der Städtischen Galerie für vier Tage entstehen wird. Das Camp soll ein Ort kommunikativen Handelns der jungen Stadtgesellschaft sein, an dem kleinere und größere Arbeitsgruppen von Schüler/-innen und Studierenden die zentrale Frage ‘Wie wollen wir leben?’ diskutieren werden. Diese kollektiven Diskurse sollen in eine künstlerische Praxis über- und abschließend aufgeführt werden. Ausgangspunkt hierfür ist eine kommunikative Großplastik, die als Aufführungsform gleichzeitig eine Bühne und einen fortwährenden Diskussionsort bilden soll.

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Städtische Galerie Schwenningen Wie ein Baugerüst Kunst und Nachhaltigkeit verbinden soll

Mareike Kratt 07.09.2022

Bühnenbauer Silvio Motta (rechts) richtet mit den Teilnehmern Amarin Lawton (links) und Stefan Merkel die Müllsäcke, die den Grund des Kunstwerks bilden sollen. Foto: Kratt

Ein Sommercamp der etwas anderen Art findet in dieser Woche im Garten der Städtischen Galerie statt. Unter Anleitung des italienischen Bühnenbildners Silvio Motta gestalten Jugendliche aus der Doppelstadt eine Großplastik, die Müllteile aus hiesigen Kulturinstitutionen recycelt. Doch hinter dem Camp steckt noch vieles mehr.

VS-Schwenningen – Ganze neun Meter hoch ist das Gerüst, das Silvio Motta im Galeriegarten vor den Sitzstufen Richtung DHBW aufgestellt hat und das am dritten Tag des Sommercamps schon gut gefüllt und behängt ist. Mit Müll. Besser gesagt mit Müll, der aus den städtischen Museen stammt und für rund zwei Monate eine ganz andere Verwendung finden soll.

Ein Baugerüst als Grundidee

Unten, als Art Wurzeln, stehen mehrere Müllsäcke mit reinen Plastikfolien, aus denen gewissermaßen neues Leben entstehen soll, erklärt Bühnenbildner Silvio Motti, der für eine Woche vom Gardasee nach Schwenningen gekommen ist. Er hat im Auftrag der Städtischen Galerie das Konzept für das ungewöhnliche Projekt entworfen. Die Grundidee sei das Baugerüst, das als Bühnenbild auf verschiedenen Etagen bespielbar sein soll – quasi wie im Theater. Darüber hinaus sind zerschnittene Bannerstücke der vor Kurzem zu Ende gegangenen Japan-Ausstellung zu erkennen, die von den Gerüststangen herunterhängen. Weiter oben ist eine Schaufensterpuppe zu erkennen, ein Stockwerk darüber eine Ampel.

Die Intention: Kreativ sein und miteinander diskutieren

Was konkret mit den einzelnen Müllteilen passiert, wie sie auf dem Gerüst angeordnet werden und welche Funktion sie bekommen, das besprechen und diskutieren die Teilnehmer des Projektteams, zumeist Schüler oder angehende Studenten aus VS, im Kollektiv zusammen mit Silvio Motta, den beiden Theatermachern im Amt für Kultur, Thomas Elgner und Ingeborg Waldherr, die Kunstlehrerin am Villinger Hoptbühl-Gymnasium, Kathrin Seuthe, Vanessa Fechtel vom Nachhaltigkeitsreferat der DHBW sowie mit Galerieleiter Stephan Rößler. Denn beim Sommercamp geht es nicht nur ums reine künstlerische Gestalten und um das Kunstwerk, es geht auch um das “miteinander ins Gespräch Kommen”, das Kommunizieren, wie Thomas Elgner betont. “In diesen Tagen realisiert sich etwas, was man nicht planen kann, aus dem Moment, aus dem Tun heraus.” Es sei faszinierend zu sehen, dass Menschen zusammenkommen, die sonst nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben. Die Teilnehmeranzahl sei nicht immer gleich – im Laufe der Woche spreche sich das Camp in den sozialen Medien immer mehr herum und es kämen stets Neugierige dazu. Am Dienstagabend etwa bei der Siebdruck-Aktion sei es richtig voll gewesen.

Kultur hat eine Verantwortung!

Diskutiert wird beim Camp also über die Verbindung zwischen Kunst und Kultur auf der einen und Nachhaltigkeit und Umwelt auf der anderen Seite. Offen, transparent und dabei (selbst-)kritisch und selbstreflektierend sein, das steht für Galerieleiter Rößler beim Projekt besonders im Vordergrund. Wie mit Ressourcen umgegangen werden kann und muss, sei derzeit ein hochaktuelles und hochpolitischen Thema. “Dieses Thema gehört nicht nur in einen (städtischen) Krisenstab, es beschäftigt uns alle”, mahnt er an. Und dabei habe auch die Kultur eine große Verantwortung.

Junge Menschen werden wieder aktiv

“Mit Kunst kann man viele Zusammenhänge darstellen, und sie zeigt, dass Müll wieder wertvoll werden kann”, sagt der 17-jährige Flynn Stein. Zusammen mit Amarin Lawton ist er Mitbegründer von “Fridays for future VS”. Beide möchten ihre Ziele und Ansichten in dieser Woche nun auf künstlerische Weise ausdrücken – und auch andere Jugendliche dafür begeistern. Denn der Trend, dass Jugendliche sich für Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit engagieren, gehe laut Amarin in die richtige Richtung. “Junge Menschen gehen üblicherweise nicht in die Galerie, können aber vielleicht durch solche Aktionen den Bezug zur Kultur wiederfinden.”

Bezug zum Bürk-Areal

Und genau diesen Gedanken möchte auch Stephan Rößler weiterverfolgen. “Was wir hier erleben, wird im Bürk-Areal regelmäßig stattfinden”, macht er Geschmack auf das Museumsprojekt – getreu dem Motto “weg vom reinen Konsum, hin zum Auseinandersetzen, Mitreden und Mitgestalten – und zwar generationenübergreifend”, betont der Galerieleiter.

Das Projekt ist noch lange nicht fertig!

Dass es beim Sommercamp nicht bleiben und das Projekt vielmehr als “Startsignal” gelten soll, unterstreicht auch Ingeborg Waldherr. Denn: Es wird ein Bestandteil der Ausstellung “Utopie Heimat” sein, die in der kommenden Woche eröffnet wird. “Das Bühnenbild ist am Freitag also noch nicht fertig und bleibt im ›working progress‹″, verweist die Theaterpädagogin auf das weitere Angebot, das parallel zur achtwöchigen Ausstellung laufen und sich vor allem an Schul- und Studentengruppen richten soll. So wird das ungewöhnliche Projekt also auch im Oktober und November als offener Raum und Einladung an alle Interessierten fungieren, um sich einerseits kreativ zu beteiligen und sich andererseits auszutauschen.

Info: Das Finale des Sommercamps in der Städtischen Galerie

Unter dem Motto “Eat, meet and connect” lädt die Städtische Galerie lädt am Freitag, 9. September, 17 Uhr, zur Vernissage des Zukunfts- und Kunstprojekts Sommercamp ein. Ab 18 Uhr ist ein rund zweistündiger inhaltlicher Austausch mit Diskussion zu akuten Fragen unserer Klimakrise sowie politischen Zukunftsperspektiven und Handlungsstrategien vorgesehen. “No future war gestern… Zukunft finde ich gut!” betont den politisch-aktionistischen Ansatz, den auch Vertreter von “Fridays for future”, “Extention Rebellion” und der DHBW Schwenningen mit aufnehmen. Ab 20.30 Uhr ist die Präsentation der Großplastik geplant. Der Abend versteht sich als offene Werkschau und fortlaufender Arbeitsprozess in verschiedenen Modulen zu der Frage “Wie wollen wir in Zukunft leben?”, der sich im Herbst fortsetzen wird.

Die beiden Theatermacher Thomas Elgner und Ingeborg Waldherr konnten im Oktober und November wichtige Kooperationspartner wie die Landeszentrale für politische Bildung Stuttgart und Professor Andreas Fath von der Hochschule Furtwangen für Workshops zu politischer Nachhaltigkeit und wissenschaftlicher Expertise gewinnen. Auch Professorin Karin Sauer von der DHBW Schwenningen ist eine wichtige Projektpartnerin.

Weitere Infos gibt es unter auf der Homepage, die beiden Ansprechpartner sind per E-Mail unter ingeborg.waldherr@villingen-schwenningen.de und thomas.elgner@villingen-schwenningen.de erreichbar.

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